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Pädagogik, Texte
Und wenn so oft gesagt worden ist, man habe, wenn man unterrichtet, zum ganzen
Menschen hin zu wirken, nicht zu einem Teil des Menschen, so handelt es sich darum, daß
man vor allen Dingen auch folgendes zu betonen hat: ebenso wichtig, wie immer davon zu
sprechen, was das Kind lernen muß, ob das Kind intellektualistisch oder dem Willen nach
erzogen werden soll, ebenso notwendig für die Pädagogik ist es, die Frage zu entscheiden:
Wie hat der Lehrer zu wirken? Soll der ganze Mensch erzogen werden, so muß der
Erzieher ein ganzer Mensch sein, das heißt, nicht ein Mensch, der aus dem mechanischen
Gedächtnis heraus schafft und erzieht, oder aus einer mechanistischen Wissenschaft,
sondern der aus dem Menschen heraus, aus dem ganzen, vollen Menschen heraus erzieht
und unterrichtet. Darauf kommt es an!

(R. Steiner, Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung, 14.8.1923, Ilkley)
Und so sagte eine alte Initiationswissenschaft dem Menschen: Du bist gewöhnt, indem du
in dich schaust und lebendig dein Geistig-Seelisches empfindest, das Göttliche in dir zu
finden. Die Initiationswissenschaft aber schult die Kräfte, die sonst nur das Göttliche im
Menschen erblicken, auch für das Göttliche in allem Naturdasein. Dadurch kannst du
beruhigt sein darüber, daß, indem du mit einem äußeren physischen Körper umkleidet
wirst, der auch aus einem Göttlichen ist, daß deine physische Geburt dich nicht aus einem
Außergöttlichen, sondern aus einem Göttlichen in das Erdendasein hereinträgt.

Und so war es für eine ältere Initiationswissenschaft die Aufgabe, den Menschen die
große Wahrheit zu lehren: Du bist nicht nur, indem du in dein Inneres blickst, ein
Gottgeborener, du bist auch, indem du in deinem Körper bist, der durch physische Geburt
in der Welt erscheint, ein Gottgeborener.

(R. Steiner, Gegenwärtiges Geistesleben..., 12.8.1923)
Ich habe ja von der moralisch-religiösen Erziehung bereits gesprochen. Ich will heute
nur das hinzufügen, daß alles darauf ankommt, daß wir die sämtlichen
Unterrichtsgegenstände und die sämtlichten gymnastischen Übungen so treiben, daß das
Kind überall fühlt: das Körperliche ist die Offenbarung eines Geistigen, und das Geistige
will überall schöpferisch in das Körperliche übergehen; so daß es sozusagen nirgends
getrennt fühlt Geist und Körper.

Wenn das der Fall ist, dann sitzt in der richtigen Weise im Fühlen des Kindes das
Moralische und Religiöse. ... ...

Bringen wir dem Kinde von vornherein ein Gebot bei, sagen wir ihm: Du sollst dies tun, das
andere lassen -, dann nimmt es dieses Gebot mit ins spätere Alter, und man hat es dann
fortwährend zu tun mit dem Urteil: Man darf dies tun, man darf jenes nicht tun. - Es
entwickelt sich alles nach dem Konventionellen. Aber der Mensch soll heute nicht mehr im
Konventionellen in der Erziehung drinnenstehen, sondern auch über das Moralische, über
das Religiöse sein eigenes Urteil haben. Das entwickelt sich auf naturgemäße Weise,
wenn wir es nicht zu früh engagieren.

(Rudolf Steiner, Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung, 17.8.1923, Ilkley)

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Über den Zusammenhang von Tag und Nacht, von physischem und Ätherleib bzw.
Astralleib und Ich in der Erziehung und in bezug auf die Gesundheit:

Wenn wir den Menschen in seiner Totalität betrachten, dann erscheint er uns eben als
ein außerordentlich kompliziertes Gebilde, das wir bewältigen müssen im Unterrichten
und Erziehen. Nun, wenn wir mehr ins einzelne gehen, so können wir etwa sagen: Nehmen
wir das eurythmisierende Kind, der physische Leib ist in Bewegung, die Bewegungen des
physischen Leibes übertragen sich auf den Ätherleib. Der astalische Leib und das Ich
wehren sich zunächst, und ihnen wird in einer gewissen Weise dasjenige eingeprägt, was
an Betätigung des physischen Leibes und des Ätherleibes stattfindet. Sie gehen dann
hinaus während des Schlafes und sie bringen dasjenige, was ihnen da eingeprägt worden
ist, mit ganz anderen geistigen Kräften in Verbindung. Am Morgen tragen sie es
wiederum in den physischen Leib und in den Ätherleib zurück. Und es ist dann ein
merkwürdiges Zusammenstimmen desjenigen, was zwischen Einschlafen und Aufwachen
aus dem Geistigen aufgenommen worden ist und demjenigen, was physischer und
Ätherleib im Eurythmisieren durchgemacht haben. Die Wirkung zeigt sich in der Art, daß
die geistigen Erlebnisse, die zwischen dem Einschlafen und Aufwachen durchgemacht
worden sind, mit demjenigen zusammenpassen, was am vorigen Tage vorbereitet und
durchgemacht worden ist. Und erst in diesem Hineinkommen zeigt sich eine besonders
gesundheitlich wirkende Kraft, die in diesem Eurythmisieren liegt. Es wird tatsächlich,
ich möchte sagen, geistige Substantialität beim nächsten Aufwachen in den Menschen
hineingetragen, wenn in dieser Weise Eurythmie gepflegt wird. Und in einer ganz
ähnlichen Weise ist es zum Beispiel beim Singen. Wenn wir Gesang mit dem Kinde üben, so
ist das Wesentliche, was an Tätigkeit entfaltet wird, eine Tätigkeit des Ätherleibes. Der
astralische Leib muß sich ihm stark anpassen. Er wehrt sich zunächst, trägt das dann
hinaus in die geistige Welt. Er kommt wiederum zurück und da äußert sich wiederum eine
gesundheitlich wirkende Kraft. Wir können sagen: Beim Eurythmisieren äußert sich mehr
eine wirklich das körperliche Befinden gesundende Kraft für das Kind; beim Singen
äußert sich eine Kraft, welche mehr auf den Bewegungsapparat im Menschen wirkt und
dadurch von den Bewegungen aus wiederum zurück wirkt auf die Gesundheit des
physischen Körpers.


R. Steiner, Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung, 14.6.1921, Stgt.